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"Reichsritter im Spannungsfeld von Glaube und Macht – die Herren von Gemmingen im Zeitalter der Reformation. "

Vortrag von Freiherr Conz von Gemmingen, Zürich:

Dienstag, 6. Dezember 2005, 1900 Uhr
im Vortragssaal des Staatsarchivs


Meine Damen und Herren

Als mich im Herbst letzten Jahres – es war im schönen Herner-Park in Horgen – Herr Adams anfragte, ob ich nicht vor diesem Kreis etwas über meine Familie und die Reichsritter erzählen könne, habe ich gezweifelt, ob das hierzulande überhaupt jemanden interessiert. Der Online-Katalog der Schweizerischen Landesbibliothek verzeichnet gerade mal drei Treffer zum Stichwort Reichsritter. Im allerdings erst im Aufbau begriffenen Historischen Lexikon der Schweiz kommt der Begriff überhaupt nicht vor. Der Gedanke lag also nahe, dass die Reichsritter hierzulande kein Thema sind. Ihr zahlreiches Erscheinen heute Abend belehrt mich indes eines besseren.

Doch kommen wir zur Sache. Mein Vortrag heute Abend wird sich in drei Teile gliedern:

  • Die Reichsritter, ihre Ursprünge, ihre Blüte, ihr Niedergang
  • Die Familie von Gemmingen, ein kurzer Überblick
  • Die Gemmingens und die Reformation im Kraichgau

Die Reichsritter
Ritter [1]
Das Ritterbild unserer Zeit ist weitgehend von der Romantik des 19. Jahrhunderts geprägt. Wir haben strahlende Recken vor Augen, in glänzenden Rüstungen, turm- und zinnenbewehrte kolossale Burgen, höfische Sitten, opulente Festmahle, bei denen es auch mal weniger höfisch-gesittet zu und hergehen mag, und natürlich die Minne, der edle Dienst an den schönen Frauen. An all dem ist schon was Wahres dran, der Ritteralltag aber war sehr viel prosaischer. Die glänzenden Rüstungen übrigens, die wir in Museen und Schlössern sehen, sind häufig Nachbildungen aus dem 19. Jahrhundert.

Ritter, also berittene Berufssoldaten gab es schon im alten Griechenland. Bei den Römern entwickelten sie sich zum nicht mehr dem Kriegsdienst verpflichteten sozialen Stand, einer Art Adelsklasse, die sich durch besondere Rechte und besondere Abzeichen an der Kleidung auszeichnete. Im Mittelalter waren sie zunächst wieder Berufsstand, Krieger also, die zu Pferde und gepanzert für ihren Herrn, ob König, Herzog oder sonst ein Anführer, zu Felde zogen. Nebst ihrer soldatischen Pflicht verfolgten sie im Laufe der Zeit immer mehr auch ethische Ziele, wie den Schutz von Armen, von Frauen und Kindern sowie – und das ist wichtig – des Glaubens. Meine Damen und Herren, Sie können sich vorstellen, dass dieser Lebenswandel aufwendig und kostspielig war. Denken Sie nur an die Rüstung, die Waffen und Pferde, Personal usw. Die Ritter waren der Volkswirtschaft entzogen, denn ihr Job war im kriegerischen Mittelalter nahezu ein Fulltime-Job. Für ihren Unterhalt mussten andere aufkommen. Sie wurden deshalb von ihren Herrschern grosszügig mit Lehen und den darauf beschäftigten Menschen ausgestattet. Zugleich waren sie von allen anderen Abgaben befreit. Waren die Zeiten gerade mal friedlich, dann hatten sie ihren Herren zivile Dienste als Ministeriale oder Beamte zu leisten. Aus dieser Position heraus entstand im Laufe der Zeit der niedere Dienst- oder Ministerialadel.

Zur Zeit der salischen und staufischen Kaiser, also im 11. und 12. Jahrhundert setzte im Heiligen römischen Reich eine Entwicklung ein, die im restlichen Europa ziemlich einmalig blieb, nämlich die Herausbildung von Territorialstaaten. Einzelne Angehörige des Adels wurden mächtiger als ihre Standesgenossen, hatten grösseren Grundbesitz und konnten sich eigene bewaffnete Kräfte halten. Schliesslich führte das dazu, dass sich diese Herzöge und Grafen mit mehr oder weniger Gewalt benachbarte Güter, Dörfer und Städte, aber auch Klöster zu Untertanen machten und schliesslich staatenähnlichen Territorien vorstanden. Dies ist die Geburtstunde der föderalen Strukturen, die noch heute die Grundlage des deutschen Staates bilden. Ähnlich verlief die Entwicklung auf kirchlichem Gebiet, und es bildeten sich die grossen, auch mit weltlicher Macht ausgestatteten Fürstbistümer. Gegen Ende des Mittelalters finden sich auf deutschem Boden gegen 350 solcher kleinen, mittleren und grossen Territorialstaaten und Bistümer.

Für die deutschen Könige und Kaiser war die wachsende Macht der Landes- und Kirchenfürsten natürlich eine Bedrohung. Schon der Staufer Friedrich II. (1220-1250), von Hause aus mit einem kleinen und zerstückelten Herzogtum ausgestattet, versuchte darum, für den Kaiser eine eigene Hausmacht aufzubauen. Dabei kam ihm und seinen Nachfolgern entgegen, dass die Bildung von Territorialstaaten im deutschen Südwesten harziger vorankam, als in anderen Teilen des Reiches. Einzelnen Rittern, aber auch Städten und Klöstern war es gelungen, sich dem Zugriff der Landesfürsten und Bischöfe zu entziehen. Sie wurden nun von den Königen und Kaisern mit weitreichenden Privilegien ausgestattet. So entstanden die Reichsritter, Reichstädte und Reichsabteien. Sie alle zeichneten sich durch die Reichsunmittelbarkeit aus, das heisst sie waren keinem weltlichen oder geistlichen Landesfüsten untertan, sondern direkt dem König oder Kaiser.

Historische Karte Badens 1789 [2]

Dies hier ist eine Karte des deutschen Südwestens etwa im 18.Jahrhundert, ein echtes Patchwork. Der Kraichgau oben links zwischen Rhein und Neckar, in gelb die reichsritterschaftlichen Herrschaften, in rot die Reichsstätte, in lila Württemberg, grün die Kurpfalz, violett die Bistümer Speyer, Worms und Mainz.

Mit der goldenen Bulle verabschiedete Kaiser Karl IV. auf dem Nürnberger Reichstag von 1356 ein Reichsgrundgesetz, das der territorialen Gliederung des Reiches eine rechtliche Grundlage gab, und das bis zum Untergang des Alten Reiches 1806 gültig blieb. Geregelt wurde darin auch die Königswahl durch die Kurfürsten.

Für diejenigen unter den Rittern, die nun Reichsritter geworden waren, bedeutete diese Entwicklung natürlich eine gewaltige Aufwertung ihrer Position. Auf ihren Gütern genossen sie landesherrliche Rechte wie die niedere (teilweise auch hohe) Gerichtsbarkeit, die Polizeigewalt, Forst- und Jagdgerechtigkeit und später die Steuerhoheit und das ius reformandi, das Recht, die Reformation einzuführen. Sie unterlagen keiner Steuerpflicht, zahlten aber später dem Kaiser angesichts der Türkengefahr freiwillige Beiträge, die sogenannten subsidia charitativa.

Schon früh sahen sich die Reichsritter drei grossen Problemen gegenübergestellt, die ihre Position gefährden konnten:
Zum einen waren sie natürlich den umgebenden Landesfürsten ein Dorn im Auge, so dass von dieser Seite ständig die Mediatisierung drohte, das heisst, die Unterwerfung unter eine Landeshoheit und damit der Verlust der Reichsunmittelbarkeit. Viele Reichsritter begegneten dieser Gefahr, indem sie nicht ungern in ein Vasallenverhältnis zu den Fürsten traten und auch Stellungen an deren Höfen annahmen. So war eigentlich allen gedient: der Fürst hatte ein gewisses Mass an Kontrolle, der Reichsritter musste nicht mehr die Mediatisierung fürchten und besserte erst noch sein schmales Einkommen auf, und der Kaiser schliesslich hatte seine Vertrauensleute an den Höfen der unberechenbaren Fürsten.

Tiefgreifendere Auswirkungen in das Selbstwertgefühl und Standesbewusstsein der Reichsritter hatten Veränderungen in der Kriegs- und Waffentechnik. Bis gegen Ende des 13. Jahrhunderts galt als sichere Regel, dass die schwere Reiterei jeden Widerstand brechen und damit den Erfolg einer Schlacht sicherstellen konnte. In den Kreuzzügen waren auf diese Weise grosse Siege errungen worden. Namentlich die Siege der Eidgenossen im 14. Jahrhundert bei Morgarten, Laupen, Sempach und schliesslich Näfels machten unwiderruflich klar, dass die Entscheidung in einer Schlacht nicht mehr durch schwere gepanzerte Reiterei herbeigeführt werden konnte, sondern dass diese vielmehr dem Fussvolk gegenüber hoffnungslos im Nachteil war. Das Aufkommen von Feuerwaffen vollendete schliesslich den Niedergang der Ritter in militärischer Sicht. Die Konsequenz war, dass der Kaiser auf die Kriegsdienste der Reichsritter schliesslich völlig verzichtete und nur noch auf ihrer Solidarität bei seinen ständigen Auseinandersetzungen mit den Fürsten beharrte.

Eine letzte, existenzbedrohende Gefahr für die Reichsritterschaft war der Strukturwandel in der Wirtschaft. Das Verhältnis zwischen Kaiser und Reichsritter basierte ja im Grunde auf einem einfachen, archaischen Tauschhandel: Auf der einen Seite Verpflichtung für den Kaiser in den Krieg zu ziehen und dabei bedingungslos sein Leben in die Waagschale zu werfen, auf der anderen Seite Sicherung des Lebensunterhalts durch grosszügige Lehen und Schutz gegenüber den Bedrohungen durch die Fürsten. Nun tauchte im 13. und 14. Jahrhundert das Geld in der Wirtschaft auf, ein abstrakter Wertausgleich, dem der Ritteradel aufgrund seiner Lebensform nicht folgen konnte. Das Bürgertum, das mit der Situation wesentlich besser fertig wurde, erstarkte, und die wichtigsten Helfer der Kaiser waren fortan die Fugger und die Welser. Die Folge für den Ritteradel war häufig Verarmung, Verkauf von Besitz, der Grundlage seines Status, gesellschaftlicher Abstieg und nicht selten Flucht in die Kriminalität, sprich Raubrittertum.

Schon in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts hatten sich deshalb ritterbürtige Geschlechter zu Standesvereinigungen defensiven Charakters zusammengeschlossen, obwohl die goldene Bulle von 1356 solche korporativen Vereinigungen ausdrücklich untersagte. Die bedeutendste dieser Rittergesellschaften war der schwäbische St. Jörgenschild von 1406. 1422 wurden diese an sich illegalen Ritterbünde von Kaiser Sigismund reichsrechtlich sanktioniert. Auf dem Wormser Reformationsreichstag von 1495 wurde die Reichsritterschaft dann endgültig als Korporation anerkannt. Im Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurden sie auf Reichsebene erstmals den reichsunmittelbaren Ständen gleichgestellt.

Im Jahre 1577 schlossen sich die Ritterschaften zu Schwaben, Franken und am Rhein zu einem Gesamtbund zusammen, der Reichsritterschaft (Corpus liberae et immediatae imperii nobilitatis), untergliedert in drei Kreise und vierzehn Kantone. Mitglied eines Kantons war, wer persönlich bei diesem Kanton mit Sitz und Stimme zugelassen war, den Rittereid abgelegt hatte und im Besitz eines reichsunmittelbaren Rittergutes im Mindestwert von 6000 Gulden war. Neben adligem Besitz und Lebensstil war ein Nachweis von sechzehn später acht ritterbürtigen Ahnen erforderlich. Reichsritter war man von Geburt wegen, man konnte es aber auch werden, andererseits galt der Grundsatz “einmal Reichsritter, immer Reichsritter”. Der Verkauf eines Rittergutes bedeutete also nicht Standesverlust.

Obwohl die Reichsritterschaft als Reichsstand anerkannt war, verfügte sie nicht über Sitz und Stimme im Reichstag.

Ulrich von Hutten [3]Götz von Berlichingen[4]

Hier zwei Exponenten der Reichsritterschaft, wie sie gegensätzlicher kaum sein können, ein Beispiel für die grosse Bandbreite ritterschaftlichen Daseins. Die beiden sind die wohl bekanntesten Reichsritter überhaupt: links der Denker, Schöngeist, Humanist und Poet Ulrich von Hutten, hier in Zürich wohlbekannt als Freund Zwinglis, rechts der Haudrauf, Raufbold, Saufbruder und leutselige Freund des kleinen Mannes Götz von Berlichingen, unsterblich seit Goethe.

Die Reichsritterschaft des Kantons Kraichgau bestand 1599 aus 75 Mitgliedern mit 72 Gütern. Im 18. Jahrhundert umfassten alle drei Ritterkreise Schwaben, Franken und am Rhein etwa 350 Familien und 450'000 Untertanen auf einer Fläche von rund 5'000 km2. Trotz dieser an sich beachtlichen Zahlen konnte der Ritteradel aufgrund der Zerissenheit seiner Gebiete und der Komplexität seiner Organisationstrukturen nie Einfluss auf die Reichspolitik gewinnen.

Was hatte der Kaiser noch von seinen Reichsrittern, nachdem sie zum Kriegsdienst nicht mehr taugten? Nun, er genoss ihre Charitativsubsidien, die bald zur letzten Finanzquelle des Kaisers im Reich wurden. Zum andern stellte der Ritteradel dem Reichsoberhaupt einen Grossteil seiner Offiziere bis in die höchsten Ränge, seiner Beamten und Diplomaten. Und schliesslich verhinderte die Reichsritterschaft in Südwestdeutschland die Ausbildung geschlossener Territorien und sicherte damit diese Räume als Einflusssphären für das Reichsoberhaupt.

Es liess sich trotzdem mit der besonderen Kaisertreue der Reichsritter vereinbaren, dass sie Verwendung fanden an den Hochstiften Worms, Speyer, Mainz und bei den kurpfälzischen württembergischen und badischen Regierungen.

Reichsritter Franz Reinhard von Gemmingen [5]
Das Ende kam mit dem kleinen Grossen Korsen: In der Rheinbundakte von 1806 wurden die reichsunmittelbaren Ritter, Städte, Dörfer und Klöster mediatisiert, das heisst, ihre Reichsunmittelbarkeit ging verloren. Ihre Gebiete fielen pauschal den Rheinbundfürsten zu, ihre Privilegien wurden weitgehend abgeschafft. Es blieb den Reichsrittern die Anerkennung als gesamtdeutsche, über die Grenzen der Länder hinaus wirkende Korporation, was rechtlich jedoch keinerlei Auswirkungen hatte. Zudem durften sie weiterhin den Titel Reichsfreiherr oder Baron führen. Man war stolz auf seine Geschichte, und mit einem gewissen händereibenden Vergnügen konnte man festhalten: Das bisschen an Bedeutung, dass einem geblieben war, das war selbstgemacht, das hatte man im Unterschied zu den neuen deutschen Königen und Grossherzogen nicht von Napoleons Gnaden. Mein Grossvater, der Chef des Marstalles des letzten Königs von Württemberg war, pflegte, wenn er von Seiner Majestät sprach, stets maliziös dieses von Napoleons Gnaden hinzuzufügen. Die Angehörigen der vormals ritteradligen Häuser waren bis 1918 gern gesehene hohe und höchste Beamte und Würdenträger an den deutschen Fürstenhöfen. Dann war definitiv Schluss mit aller Herrlichkeit!

Zum Schluss dieses Abschnittes noch ein kleines amüsantes Detail, das für das Standesbewusstsein der Reichsritter, oder sollte man sagen für ihre Eitelkeit?, jedoch bezeichnend ist. Wenn sich ein Reichsritter porträtieren liess, dann trug er, auch wenn das inzwischen völlig demodé und obsolet geworden war, gerne den Brustharnisch, mitunter auch die ganze Rüstung. Dieser würdevolle Herr hier ist der Reichsritter Franz Reinhard von Gemmingen zu Gemmingen (1692 – 1751), baden-durlachischer Kammerjunker und Obervogt zu Durlach. Am Halse trägt er den badischen Orden der Treue.

Dies führt mich zum zweiten Punkt: Die Familie von Gemmingen

Die Familie entstammt dem gleichnamigen Ort Gemmingen im Kraichgau, der – wesentlich älter als die Familie – bereits 769 im Lorscher Codex erwähnt wird. Echte ingen-Orte bestehen seit der Zeit der allemannischen Landnahme. Die Endung ingen bedeutet soviel wie Haus, Familie oder Stamm des... . Es könnte sich also ein allemannischer Stammesführer mit Namen Gemmo oder ähnlich hier niedergelassen haben. Familienintern hat man sich schon im 17. Jahrhundert eine römische Abstammung zusammengebastelt, was einem Modetrend in adligen Familien entsprach, aber natürlich völlig aus der Luft gegriffen ist. Ähnlich fragwürdig ist ja auch der Ahnennachweis anhand von Turnierbüchern, die oftmals in sehr viel späterer Zeit entstanden und reine Gefälligkeitsarbeiten für den Auftraggeber sind. Trotzdem sind diese Bücher aus künstlerischer Sicht ausgesprochen interessant.
Turnierbild [6]
Diese Abbildung aus dem Turnierbuch der Kraichgauer Ritterschaft zeigt den Ritter Heinrich von Gemmingen auf einem Turnier in Augsburg im Jahre 1080. Dieses sehr schöne Buch wurde allerdings erst 1615 herausgebracht und liegt heute in der Biblioteca Rossiana im Vatikan. Ritter Heinrich gehört ins Reich der Phantasie.

Allgemein wird die Familie heute dem schwäbischen Uradel zugerechnet. Die Bezeichnung Uradel, das heisst aus undenkbarer Vorzeit stammend, hat sich zwar eingebürgert, aber sie ist schwammig und unpräzis. Im Adelsrecht kommt sie darum nicht vor.

Die Familie entstammt dem Dienst- oder Ministerialadel. Das Geschlecht erscheint urkundlich erstmals am 16. August 1233 mit Hertlieb und Albert de Gemmingen, beide Konventualen im Kloster Hirsau. Stammvater aller heute lebenden Gemmingens ist Hans von Gemmingen, 1259 Kaiserlicher Vogt in Sinsheim. Die Familie gehörte der Schwäbischen Reichsritterschaft, Kanton Kraichgau an. 1922 wurde der Gemmingen’sche Familienverband gegründet, ein eingetragener Verein, der alle zwei Jahre an wechselndem Ort einen Familientag abhält. Die Familie umfasst heute rund 150 Namensträger, die hauptsächlich nach wie vor im Kraichgau leben, aber auch in anderen Teilen Deutschlands, den USA, Kanada, Kolumbien, den Niederlanden, Dänemark und natürlich auch in der Schweiz.

Wappen von Gemmingen [7]
Das Wappen zeigt in Blau zwei goldene Balken, auf dem Helm blaugoldene Decken, und zwei wie der Schild bezeichnete Büffelhörner.

Die Urenkel von Hans, Dietrich der Ältere und Dieter der Jüngere begründen die beiden heute noch blühenden Stämme A und B, benannt Gemmingen-Guttenberg und Gemmingen-Hornberg nach den beiden Burgen Guttenberg und Hornberg am Neckar. Ich selbst gehöre in der 20. Generation dem Hornberger Stamm an. Im älteren Guttenberger Stamm ist man inzwischen bei Generation 24 angelangt.










Guttenberg [8]
Der Guttenberg wurde vor einigen Jahren von der GHGZ anlässlich der Kraichgau-Reise besucht. Er ist die einzige deutsche Burg, die nie zerstört wurde, was nicht heisst, dass sie sich im Originalzustand befindet. Nahezu jede Generation hat daran herumgebaut. Der älteste Teil, die Schildmauer stammt aus dem 12. Jahrhundert. Im Jahre 1449 wurde die Burg von Hans von Gemmingen, genannt „der Reiche“, gekauft, seither ist sie in Familienbesitz. Im Zusammenhang mit der Reformation werden wir noch vom Guttenberg zu berichten haben.










Hornberg [9]
Der
Hornberg in Sichtweite des Guttenbergs, aber auf der anderen Seite des Neckars, ist für mich die schönste Burg überhaupt. Sie hat eine wechselvolle Geschichte und wurde 1689 durch die Franzosen im Zuge des Pfälzischen Erbfolgekrieges zerstört. Im 16. Jahrhundert gehörte sie der Familie Berlichingen, Ritter Götz hat dort gelebt und ist dort gestorben. Im Jahr 1606 kaufte Reinhard von Gemmingen, genannt „der Gelehrte“ die Burg von Götzens Enkeln, seither ist sie im Familienbesitz. Das Weingut der Burg besteht seit dem 12. Jahrhundert und ist das älteste in Baden-Württemberg. Es gibt auf der Burg ein hübsches kleines Hotel, das durchaus einen Wochenend-Ausflug wert ist.

Im Besitz der Familie befinden sich 18 weitere Schlösser oder Herrenhäuser. Einige der gemmingenschen Güter gelangten infolge Heiraten, Erbschaften oder Verkauf an andere Familien, die meisten aber sind bis heute in Familienbesitz und werden auch zu einem guten Teil von Mitgliedern der Familie selbst bewirtschaftet.












 Schlacht von Seckenheim 1462 [10]
Die Gemmingens gehören nicht zu den Familien, die grosse Geschichte geschrieben haben, aber einige haben doch Spuren hinterlassen, die zum Teil gar nicht so unbedeutend sind. Da gab es Hans den Kecken der in der Schlacht von Seckenheim 1462 auf kurpfälzischer Seite den gegnerischen Heerführer Graf Ulrich von Württemberg gefangen nahm. Die Familie ist ausserordentlich stolz auf ihn, und Kopien dieses in der Art einer Turnierdarstellung gehaltenen Bildes hängen in nahezu jedem gemmingenschen Haushalt.

Sein Sohn Uriel wurde 1508 Erzbischof und Kurfürst von Mainz und war in dieser Position Erzkanzler des Reiches und Vorsitzender des Kurfürstenrates, das heisst höchster Fürst des Reiches nach dem Kaiser. Sein Grabmal von Hans Backoffen im Mainzer Dom zählt zu den ganz grossen Werken deutscher Bildhauerkunst.

Johann Conrad von Gemmingen (1561-1612) wurde 1593 Fürstbischof von Eichstätt und schuf dort den «Hortus Eystettensis», den Garten von Eichstätt, den ersten, wissenschaftlich geleiteten botanischen Garten Deutschlands. 1613 erschien in Nürnberg ein prachtvoller Band unter dem Namen Hortus Eystettensis mit 367 kolorierten Kupferstichen der Blumen und Pflanzen des Gartens. Das Buch zählt heute zu den grossen Kostbarkeiten botanischer Literatur.

Johann Otto von Gemmingen (1545-1596) war Fürstbischof von Augsburg, und Maria Anna Margaretha von Gemmingen (1711-1771) Fürstäbtissin von Lindau.

Der Aufstieg in höchste Kirchenämter war für die Reichsritter die einzige Möglichkeit der Standeserhöhung.

Dem Literaturhistoriker und Mozartfreund dürfte Otto Heinrich von Gemmingen (1755-1836) bekannt sein, erster Dramaturg am Mannheimer Nationaltheater, der als Dramatiker das Theaterstück «Der deutsche Hausvater» schrieb. Schiller schätzte dieses Stück, nahm es als Vorbild für seine „Kabale und Liebe“ und setzte es jahrelang auf den Spielplan des Weimarer Hoftheaters. 1778 schrieb Otto Heinrich in Mannheim ein Libretto für Mozart, das leider verschollen ist. Ab 1782 lebte er in Wien und wurde dort zum grossen Freund und Gönner Mozarts. Unter anderem führte er ihn und seinen Vater Leopold in der Wiener Freimaurerloge «Zur Wohltätigkeit» ein. Die «Zauberflöte» hätte es ohne ihn möglicherweise nicht gegeben.

Zahlreich sind die gemmingenschen Offiziere in Kaiserlich-Habsburgischen Diensten. Den höchsten militärischen Lorbeer errang mein Urururgrossvater Sigmund (1724-1806) der es bis zum K.K. Generalfeldzeugmeister brachte und 1760 mit dem Maria-Theresia-Orden dekoriert wurde. Sehr viel höher konnte man als Soldat bei Habsburgs nicht steigen.

Der bekannteste lebende Gemmingen dürfte mein Vetter Eberhard sein, Jesuit, Journalist und seit vielen Jahren Chef des deutschsprachigen Dienstes von Radio Vatikan. Während der vergangenen Papstwahl war er seiner profunden Insiderkenntnisse wegen gern gesehener Gesprächsgast bei allen deutschsprachigen Fernsehsendern.

Die nachhaltigsten Spuren in der Geschichte hinterliessen aber drei Gemmingen-Brüder:
Dietrich, Wolf und Philipp, sie führten die Reformation im Kraichgau ein.

Und damit komme ich zum dritten Teil meines Referates, die Reformation.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das religiöse Leben im vorreformatorischen Mitteleuropa. Die Zeit um 1500 war von einer tiefen Unruhe und dem Streben nach Sicherung des Heils erfüllt. Krankheiten wie Pest und Syphilis, Hungersnöte und Verarmung, mangelhafte Hygiene und häufige Kriege drückten die Lebenserwartung auf 33 Jahre. Der Tod war alltäglich und die Furcht vor dem Danach gross. Symptomatisch für die Zeit ist Luthers verzweifelter Ausruf „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“. Die Antworten der römischen Kirche auf diese Frage waren wenig hilfreich und tröstlich. Die Gläubigen wurden zu ständiger Busse aufgerufen, aufgefordert, Wallfahrten zu machen und mit strengen dies- und jenseitigen Strafen bedroht. Das Pilgerwesen war ungeheuer populär, für die Menschen jedoch mit erheblichen Kosten verbunden. Und schliesslich und endlich kam Rom noch auf die unselige Idee des Ablasshandels. Für Geld, das unkontrolliert in die Taschen des hohen Klerus floss, konnte man die zu erwartende Zeit im Fegefeuer verkürzen. Der Papst schickte professionelle Ablasshändler durch die Lande, die das an sich schon arme Volk nach Strich und Faden ausnahmen. Was die Kirche bot, war letztlich nur dazu geeignet, die Moral und die Wirtschaftskraft des Volkes zu schwächen. Hinzu kam eine von der Politik zu verantwortende massive Teuerung und die zunehmende Ausbeutung der unteren Schichten durch den Adel. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts kam es zu den ersten Bauernerhebungen, die jedoch allesamt wegen schlechter Organisation und unerfahrener Führung scheiterten. Vom Kaiser, seit 1519 der Habsburger Karl V., war Hilfe nicht zu erwarten, er war zu sehr vom Papst abhängig. Den Fürsten im Reichstag war zwar klar, dass das Reich dringend einer Reform bedurfte, doch war man heillos untereinander zerstritten.

Martin Luther [11]
Dann kam Luther. Und er hatte Antworten auf die drängenden Fragen der Menschen. Der Legende nach sass er im Jahre 1517 in seinem Turmzimmer der Universität Wittenberg über dem Römerbrief des Heiligen Paulus und hatte sein sogenanntes „Turmerlebnis“. Bei Römer 3.24 fand er den Passus: „Und werden on Verdienst gerecht aus seiner Gnade / Durch die Erlösung / So durch Christo Jhesu geschehen ist.“ Mit anderen Worten, nicht durch Busse und fromme Taten erreicht der Mensch den Zustand der Gnade und der Erlösung, sondern dies ist allein ein Geschenk Gottes. Mit dieser Erkenntnis entlarvte Luther das Ablasswesen als Schwindel. Luther verfasste seine berühmten 95 Thesen. Ob er sie tatsächlich an die Türe der Wittenberger Schlosskirche heftete ist heute umstritten. Tatsache ist, dass er sie an den Mann sandte, der vom Papst den Auftrag erhalten hatte, einen neuen Superablass in Deutschland auf den Markt zu bringen, und der dies auch erfolgreich tat. Dieser Mann war der Erzbischof und Kurfürst von Mainz, aber – die Gemmingens hatten Glück – es war nicht mehr Uriel von Gemmingen, sondern sein Nachfolger Albrecht von Brandenburg. Wie die Geschichte weiterging ist nicht Thema des heutigen Abends, wohl aber, was im Kraichgau geschah.

1518 hielten die Augustinereremiten ihr Generalkapitel in der Kurpfälzischen Residenzstadt Heidelberg ab. Der Ordensdistrikt Thüringen hatte Martin Luther als Delegierten entsandt. Im Rahmen dieser Veranstaltung fand am 26. April ein wissenschaftliches Gespräch unter der Leitung Luthers statt, die sogenannte „Heidelberger Disputation“. Luther vermittelte dabei die Grundgedanken seiner neuen Theologie. Unter seinen Zuhörern waren die Heidelberger Theologiestundenten Martin Bucer, der spätere Reformator von Strassburg, und Johannes Brenz, sowie die Magister Erhard Schnepf, Franziscus Irenicus und Martin Frecht, für den Religionshistoriker alles klingende Namen.

1520 verfasste Luther seine Programmschrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“.
Er schreibt, die römische Kurie sei nicht bereit eine Besserung der schlimmen Zustände in der Christenheit herbeizuführen, deshalb falle diese Aufgabe den Laien selbst zu, vor allem aber den Reichsständen und damit auch den Reichsrittern.

1521 wurde Luther vor den Reichstag in Worms zitiert und aufgefordert zu widerrufen, was er allerdings nicht tat. Zum bereits vorher ausgesprochenen Kirchenbann kam nun die vom Kaiser verfügte Reichsacht. Nur die vom sächsischen Kurfürst Friedrich dem Weisen inszenierte Flucht Luthers auf die Wartburg verhinderte das schlimmste.

Wie war die Lage bei den Gemmingens. Wir haben von der dreifachen Bedrohung der Reichsritterschaft gehört. Die Gemmingens hatten sie allerdings recht gut gemeistert. Mit ihren Nachbarn Kurpfalz, Württemberg und Baden unterhielten sie freundschaftliche Beziehungen, waren Beamte an den Höfen in Heidelberg, Stuttgart und Durlach und hatten auch pfälzische, württembergische und badische Lehen angenommen. Der wirtschaftlichen Not entgingen sie durch geschickte Heiratspolitik. Im 16. Jahrhundert zählten sie zu den reichen Vertretern des Ritteradels. Und letztlich hat sie die Tatsache, dass sie als Ritter obsolet geworden waren, nicht allzu sehr bedrückt, sie begründeten ihre Herrschaft aus ihrem Besitz und nicht aus dem Kriegsdienst am Kaiser. Aber, sie lebten wie alle Reichsritter noch ganz in der Gedankenwelt der mittelalterlichen Ritterethik, die – wir hörten es – auch den Schutz der Armen und die Verteidigung des Glaubens beinhaltete. Das leibliche und das seelische Wohl ihrer Untertanen war ihnen durchaus ein Anliegen. Die Bauern vergalten es ihnen, und so blieben denn die Rittergüter während der Bauernkriege weitgehend verschont.

Die drei Orte, die uns heute beschäftigen werden sind Gemmingen, Fürfeld und Neckarmühlbach. Und damit kommen wir zu unseren drei Brüdern Dietrich, Wolf und Philipp zurück. Sie gehörten der achten Generation des älteren Hauptstammes an und waren alle drei sehr gebildet und sehr begütert.

Dietrich, gestorben 1526 hatte die Burg Guttenberg und das dazugehörige Dorf Neckarmühlbach geerbt. Wolf, gestorben 1555 sass in Gemmingen, und Philipp, gestorben 1544 war Grundherr zu Fürfeld. Wolf hatte im Gefolge des pfälzischen Kurfürsten Ludwig am Wormser Reichstag von 1521 teilgenommen. Er war von Luthers Standhaftigkeit und auch von seiner Lehre beeindruckt. Nach hause zurückgekehrt berichtete er wohl seinen Brüdern, und in der Folge kamen alle drei Luthers Aufforderung an den christlichen Adel nach.

Dietrich berief 1522 den im württembergischen Weinsberg in Ungnade gefallenen evangelischen Pfarrer Erhard Schnepf an seine unterhalb der Burg Guttenberg gelegene Pfarrkirche von Neckarmühlbach. Schnepf, er sass wie wir uns erinnern unter den Zuhörern Luthers 1518 in Heidelberg, blieb ein knappes Jahr in Neckarmühlbach, dann wechselte er in die benachbarte Reichstadt Wimpfen und von dort von 1527 bis 1534 an die Universität Marburg. Schliesslich folgte er dem Ruf von Herzog Ulrich von Württemberg zur Reformation seines Landes nach Stuttgart.

Kommen wir zu Wolf. Sein Grab in Gemmingen ist reichlich verwittert, aber sein Name hat dort bis heute Glanz. Wolf hatte in Gemmingen grosse Probleme, verfolgte sein Ziel der Reformation des Ortes aber mit Hartnäckigkeit und Geduld. Das Patronat über die Gemminger Pfarrkirche lag beim Domkapitel zu Speyer, das heisst natürlich: der Ortspfarrer war altgläubig. Aber es gab in Gemmingen die Position eines Prädikanten oder Predigers, eine Art Pfarrassistenten. Diese Stelle hatte seit 1513 Bernhard Griebler inne, von dem nicht viel bekannt ist, ausser dass er ab 1521 auf Weisung Wolfs reformiert predigte. Natürlich musste das zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Pfarrer und Prediger und schliesslich zum Streit zwischen Wolf und dem Speyrer Domkapitel führen. Dieser Streit eskalierte, als Wolf 1524 einen Teil des Kirchenzehntes zur Besoldung seines Predigers abzweigte. Und er schwelte weiter, bis 1532 der katholische Pfarrer resignierte und das Kapitel um Versetzung bat. Nun setzte Wolf einen evangelischen Pfarrer durch, stritt sich aber noch ein paar Jahre weiter mit Speyer um die Bezahlung desselben. Übrigens hat Wolf in Gemmingen eine Lateinschule gegründet, eine höchst ungewöhnliche Tat in der Zeit und an dem Ort. Noch heute heisst die Schule in Gemmingen „Wolf von Gemmingen Schule“.

Philipp, der jüngste der drei Brüder holte ebenfalls 1521 den reformierten Magister Martin Germanus an die neu errichtete Pfarrstelle in Fürfeld. Philipp hielt grosse Stücke auf den jungen Theologen und finanzierte ihm schon 1522 weiterführende Studien an der Universität Wittenberg. Germanus blieb dann bis zu seinem Tod 1559 in Fürfeld.

Die drei Gemmingen-Brüder waren nachweislich die ersten, die im Ritterkanton Kraichgau junge reformierte Geistliche an ihre Kirchen holten. Andere Reichsritter folgten ihnen erst Jahre später. Vergessen wir nicht, dass Luther unter Reichsacht stand, was auch seine Anhänger mit schweren Strafen bedrohte. Nun war aber der Kaiser fern und ziemlich machtlos, und die Reichsfürsten waren untereinander zerstritten, sodass die Reichsacht in den Ritterterritorien zwar eine Bedrohung war, konkrete Folgen aber ausblieben.

Anders war die Situation in den benachbarten Ländern. Württemberg war bis 1534 österreichisch, das heisst streng altgläubig. Nach seiner Rückkehr an die Macht 1534 führte Herzog Ulrich mit Erhard Schnepf die Reformation in seinem Land ein. Baden und die Kurpfalz wurden erst 1555 nach dem Augsburger Religionsfrieden reformiert. Bis dahin war die Lage für evangelische Theologen prekär. Nicht wenige gerieten in ernsthafte Schwierigkeiten und mussten das Land verlassen. Vielen von ihnen bot Dietrich auf seiner Burg Guttenberg Unterschlupf. Zeitweise verköstigte er dort mehr als zwanzig vertriebene Pfarrer. Andere fanden bei seinem Bruder Wolf in Gemmingen Asyl.

wichtigsten theologischen und auch politischen Autorität wurde für die Gemmingen-Brüder Johannes Brenz, der fähigste Kopf unter den Südwestdeutschen Reformatoren. Auch er war übrigens 1518 einer der Heidelberger Zuhörer Martin Luthers. Er war Schüler von Oekolampadius und Lehrer von Martin Bucer. Brenz war kein Mann der Tat. In Schwäbsich Hall, wo er predigte, ging die Einführung der Reformation nur schleppend voran, erst an Weihnachten 1526 fand dort die erste evangelische Abendmahlfeier statt. Dank seines überragenden Intellektes und seiner ausserordentlichen Begabung als Debattenredner aber war er Ratgeber und Lichtgestalt der reformierten Geistlichen in Schwaben. Zurecht gilt er als der eigentliche Reformator Süddeutschlands. Die Bekanntschaft zu den Gemmingen-Brüdern ging über seinen Freund Erhard Schnepf. Dietrich und Brenz führten eine umfangreiche Korrespondenz und entwickelten eine tiefe Freundschaft. Als Dietrich 1526 starb, liess es sich Brenz nicht nehmen, auf dem Guttenberg die Totenpredigt zu halten.

1524 brach zwischen Luther und Zwingli der Abendmahlstreit aus. Luthers „Das ist mein Leib“ stand Zwinglis „Das bedeutet mein Leib“ gegenüber. Die schwäbischen Pfarrer schwankten, einige neigten zur Auffassung des Zürcher Reformators, die meisten folgten Luther. In dieser Situation verfasste der Basler Reformator Johannes Oekolampadius, der aus dem schwäbischen Weinsberg stammte, die Schrift „De genuina verborum Domini“, also etwa „von den ursprünglichen Worten des Herrn“. Er schickte dieses Schreiben an die evangelischen Pfarrer Schwabens, die er alle persönlich kannte, um sie von der Auffassung Zwinglis zu überzeugen.

Diese wiederum wandten sich in ihrer Ratlosigkeit an Johannes Brenz. Das von Brenz verfasste Antwortschreiben an Oekolampadius, das die Meinung Luthers vertrat, wurde von vierzehn evangelischen Geistlichen unterzeichnet, darunter alle gemmingenschen Pfarrer. Im anschliessenden Briefwechsel, an dem sich auch Dietrich beteiligte, wurde man sich nicht einig, vereinbarte aber nach langem hin und her schliesslich ein Gespräch, das auf Einladung der Brüder Gemmingen Ende Dezember 1525 auf dem Guttenberg stattfand, und an dem die namhaften Vertreter beider Seiten teilnahmen. Diese, als „Kraichgauer Gespräch“ in die Geschichte eingegangene Disputation blieb ohne Einigung. Der Streit schwelte noch viele Jahre weiter und trennte auch die gemmingenschen Pfarrer. Im Gegensatz zu seinen Kollegen in Neckarmühlbach und Gemmingen folgte Martin Germanus in Fürfeld der Richtung Zwinglis, und ohne Zweifel teilte Philipp von Gemmingen die Ansichten seines Pfarrers. Weitere Gespräche fanden statt, unter anderem 1532 in Fürfeld, die aber ebenso erfolglos verliefen, wie der Disput auf dem Guttenberg. Erst 1536 wurde der Streit unter der Ägide von Philipp Melanchton und Martin Bucer in der Wittenberger Konkordie beigelegt.

Der Kraichgau war und blieb unter tatkräftiger Mitwirkung der Familie von Gemmingen lutherisch.

Natürlich stellt sich die Frage, warum nur haben die Gemmingen-Brüder das gemacht? Warum nahmen sie Kirchenbann und Reichsacht in Kauf? Warum stellten sie sich gegen ihren obersten Lehnsherrn, den Kaiser, dem sie als Vasallen durch ihren Treueid verpflichtet waren? Sie litten keine wirtschaftliche Not, sie hatten ausgezeichnete Verhältnisse zu ihren fürstlichen Nachbarn, und sie führten lieber ein friedvolles Dasein als ein Leben bestehend aus Krieg und Fehde. Kurz, die existenzbedrohenden Nöte so vieler anderer Reichsritter waren ihnen fremd.

Die Antwort ist wohl diese: Sie fühlten sich aufgerufen, getreu alter Rittertradition, etwas gegen die kirchlichen und sozialen Missstände ihrer Zeit zu unternehmen, unter denen vor allem ihre Untertanen litten. Und nicht zuletzt: Sie waren Menschen von tiefer Frömmigkeit. Im Spannungsfeld von Glaube und Macht hatte der Glaube obsiegt.

Eine Randbemerkung zum Schluss. Ich erwähnte zu Beginn, dass 1806 in der Rheinbundakte fast alle Feudalrechte untergingen, fast alle, denn eines ist – wenn auch in abgeschwächter Form – seltsamerweise bis heute geblieben: das Kirchenpatronat. Ich selbst übe es aus in der evangelischen Kirchgemeinde von Bad Rappenau, einem ehemals gemmingenschen Ort im Kraichgau. Bei einer Neubesetzung der Pfarrstelle habe ich tatsächlich ein gewichtiges Wort mitzureden. Die Kandidaten müssen ein Gespräch mit mir führen, ich muss zuhanden des Landesbischofs in Karlsruhe eine Empfehlung aussprechen und schliesslich die Ernennungsurkunde für den neuen Pfarrer ausstellen und überreichen. Natürlich würde ich es als schweren Missbrauch betrachten, gegen den Willen der Gemeinde zu handeln.

Das Kuriose am Ganzen ist aber, dass ich katholisch bin.

Meine Damen und Herren, wie das? Werden Sie sich fragen, haben Sie sich vielleicht schon gefragt, als die Rede von meinem jesuitischen Radio-Vetter im Vatikan war. Nun, mein Urururgrossvater, der erwähnte Sigmund, seines Zeichens KK Generalfeldzeugmeister, hatte sich in eine schöne Dame verguckt, die alten Glaubens war. Für die künftige Schwiegermama aus dem erzkatholischen Hause Eszterhazy war ein evangelischer Schwiegersohn schlicht undenkbar. Und so musste denn der kampferprobte Soldat und grosse Feldherr, um das schwiegerelterliche Plazet zu erlangen, buchstäblich zu Kreuze kriechen und den Glauben wechseln. Zwei Jahrhunderte nach Luther hielt man es offenbar nicht mehr allzu genau mit den alten Rittertugenden.


Text: Freiherr Conz von Gemmmingen

Bildquellen:

[1]   "MET Armures". In: Commons Wikipedia. Bilderquelle. Stand: 12.10.2005 00:15.
        Online im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:MET_Armures.jpg (abgerufen am 15.01.2006)

[2]   "Baden". In: Historischer Atlas - Deutschland von Thomas Höckmann. Bilderquelle. Stand: 17.10.05
        Online im Internet: http://www.hoeckmann.de/deutschland/bwsued.htm (verlinkt am 19.01.2006)

[3]   "Ulrich von Hutten". In: Commons Wikipedia. Bilderquelle. Stand: 15.09.2005 19:42.
        Online im Internet: http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Ulrich_von_Hutten.png (abgerufen am 15.01.2006)

[4]   "Goetz von Berlichingen". In: Commons Wikipedia. Bilderquelle. Stand: 2.4.2005 11:33.
        Online im Internet: http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Goetz_von_Berlichingen.png (abgerufen am 15.01.2006)

[5]   Franz Reinhard von Gemmingen. Bildquelle: Freiherr Conz von Gemmingen

[6]   Turnierbild. Bildquelle: Freiherr Conz von Gemmingen

[7]   Wappen von Gemmingen. Bildquelle: Freiherr Conz von Gemmingen

[8]   Gutenberg. © Freiherr Conz von Gemmingen

[9]   Hornberg. © Freiherr Conz von Gemmingen

[10] "Schlacht von Seckenheim 1462". In: Stam- und Turnierbuch der uralten adelichen Geschlechts ... Heilbronn, 1616.
        Im: Archiv der Freiherrn von Gemmingen-Hornberg. © Freiherr Conz von Gemmingen

[11] "Martin Luther by Lucas Cranach der Ältere". In: Commons Wikipedia. Bilderquelle. Stand: 13.12.2004 22:32.
        Online im Internet: http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Martin_Luther_by_Lucas_Cranach_der_Ältere.jpeg URL (abgerufen am 15.01.2006)

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