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Jahresausflug

Führung durch Max Kalt und Alfred Hidber


Sonntag, 15. Juni 2003
nach

Zurzach

Botschafts-Artikel




Bei leicht bewölktem Himmel trafen sich am Sonntag 15. Juni, 40 Mitglieder der GHGZ vor dem Wälti-Denkmal auf dem Bahnhofsplatz. Mit zwei fachkundigen Führern der Historischen Vereinigung des Bezirks Zurzach besichtigten sie den Häuserweg in Zurzach.
Nach der Begrüssung durch den Präsident der GHGZ, Werner Adams, umriss Monika Ernst Engels aus Zurzach kurz die 2000 jährige Geschichte von den Römern, der Heiligen Verena, den Wahlfahrten, des internationalen Marktortes, der Textilindustrie und zum heutigen Kurort des Flecken Zurzachs, bevor die zwei Führer, Max Kalt, Präsident der Historischen Vereinigung des Bezirks Zurzach, und Alfred Hidber, Historiker und Museumsleiter, vorgestellt wurden.
Während sich eine Gruppe unter der Leitung von Max Kalt Richtung Promenade zur Villa Walter Zuberbühler begab, führte Alfred Hidber die zweite Gruppe in den Oberflecken zum Haus «Kindli», um seine Führung dort zu beginnen.

Entlang der Promenade

Die Villa Walter Zuberbühler, als Beispiel einer Jugendstilvilla, die zusammen mit dem Jäger-Chalet für den Sohn von Jakob Zuberbühler erbaut wurde. Hier erzählte unser Führer erstmals Details zur Industriellenfamilie Zuberbühler, die auch die Villa «Himmelrich», das heutige Schloss Zurzach erbauten. Die Villa kam 1911 an Johann Ulrich Gross (†1916), Türken-Ueli genannt, der als Direktor den Bau der Orientbahn Istanbul-Bagdad leitete.

Unter dem kühlen Dach der Promenadenbäume ging's weiter zur Arche, dem reformierten Kirchengemeindehaus, dessen Tür aus dem Schlösschen Schwarzwasserstelz bei Kaiserstuhl stammt. Weiteres Baumaterial aus dem Abriss wurde für den Bau der Bahnhöfe in Zurzach und Eglisau benutzt. Mit wenigen Schritten stand die Gruppe vor der reformierten Kirche, welche 1716/17 vom Zürcher Architekten Matthias Vogel als symmetrischer Sakralbau erstellt wurde.

Der vis-a-vis liegende «Alte Landjägerposten» wurde im 19. Jahrhundert vom Kanton Aargau als kantonaler "Stützpunkt" an Stelle des Tores errichtet. An diesem Tor mussten zu Marktzeiten die Waren registriert werden. Es wurden vorwiegend Textilien, Leder und Pferde gehandelt. Früher hiess die heutige Schwertgasse erst Kaufgasse und später Judengasse. Eine der Teilnehmer fragte, warum Zurzach nie zur Stadt erhoben wurde? Max Kalt vermutet, dass der Bischof von Konstanz die Einnahmen aus dem Markt nicht an eine freie Stadt abgeben wollte und deshalb eine Ernennung verhinderte. Das neben dem «Alte Landjägerposten», stehende Haus «zum Tor» weisst noch auf das frühere Tor hin.

Das auf der selben Strassenseite liegende Gebäude «zur Taube» wurde im spätgotischen Stil 1534 errichtet. Bei der Restaurierung 1989 wurden die alten Putzenscheiben entdeckt, die heute wieder integriert sind.

Die rechte Strassenseite mit dem Gasthaus «Schwert» und die «Schwanengarage» sind im 19. Jahrhundert abgebrannt. Das anschliessende ehemalige Restaurant «roter Turm» wurde in den 30igern des letzten Jahrhunderts bemalt. Die heutige Bemalung weisst jedoch zu damals keine politischen Symbolen mehr auf.

Rathaus

Am Ende der Schwertgasse bei der Ochsenkreuzung, stehen noch die alten Kaufhäuser aus Marktzeiten. Das heutige Schuhhaus Binder war damals das öffentliche Textilmessehaus, später wurde es von Zuberbühler für die Fabrikation genutzt. Im heutigen Rathaus auf der anderen Strassenseite war das öffentliche Lederhaus. Es wurde in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts von der Klingnauer Familie Nägeli erbaut. Beim Brand 1471 wurde es zerstört und anschliessend von der Gemeinde gekauft und wieder aufgebaut.

Hier folgte von Herrn Kalt ein Exkurs in die Geschichte Zurzachs:
Nach dem Tode des Karl des Dicken 888 gelangte das Kloster Zurzach mit der Gemeinde als Schenkung an das Kloster Reichenau, welche Zurzach 1265 aus finanziellen Gründen an den Bischof von Konstanz verkaufte.
Auf eine Frage über das Einzugsgebiet der Zurzacher Messen, erklärte der Führer, dass Dokumente mit Bezug zur Zurzacher Messe in Warschau, Oberitalien und Frankreich gefunden wurden. Eine weitere Frage beinhaltete, ob es Zurzacher Masse und Gewichte gab. Herr Kalt sagte, dass es eine Zurzacher Elle gab, diese aber schlecht dokumentiert sei. Der Herr über Masse und Gewichte war der Landvogt von Baden.

Auf Blick zum Unterflecken zeigte der Führer die privaten Kaufhäuser: das «obere Freiburger Kaufhaus», heutige Mode Weber, das «untere Freiburger Kaufhaus», heute «zum Zitronenbaum», «zum unteren Freiburgerhaus» und «zum Regenbogen». Das gegenüber liegende Haus «zum Bärli», geht auf das damalige Berner Kaufhaus zurück.

Der «rote Ochsen» bestand früher als «roter Ochsen», «roter Löwen» und «Engel». Nach dem Brand 1822 der vom Ochsen bis zum Hotel Post reichte, wurden diese drei Häuser zusammengelegt. Dies ist heute noch anhand der Kellergewölbe ersichtlich. Die moderne Bautechnik ab dem 19. Jahrhundert ist an der geraden Flucht dieser Häuser ersichtlich.

Nun wandte sich die Gruppe Richtung Süden. Auf der rechten Seite liegt der «Rebstock». Hier residierte der Landvogt von Baden seit 1578 während der Messe, die er eröffnete und hielt Gericht zu «allerhand Gesindel». «Der Hirschen» auf der linken Strassenseite, hatte vor dem Umbau in heutiger Zeit einen schönen Giebel zur Strasse. Heute ist das Hirschbild auf der Seite zur Rathausgasse hin sichtbar mit der Jahreszahl 1415. Durch die Gasse gelangte die Gruppe auf den Amtshausplatz mit dem «Grosser Steinbock». Hier stand früher der Kehlhof. Jakob Zuberbühler gründete 1872 in diesem Gebäude seine Textilfirma. Diese wurden dann erst in allen Gebäuden rund um den Amtshausplatz, dann im Flecken ausgeweitet. Bis zu Ende den 19. Jahrhunderts neue Fabrikationsgebäude, Arbeiterhäuser, wie die «Mandschurei», und die Villa «Himmelrich» ausserhalb des damaligen Flecken entstanden. Der Platz ist nach dem gegenüber dem Grossen Steinbock liegenden Amtshaus, dem ursprünglichen Kehlhof und Wohnung des Kehlmeiers, benannt.

Der Weg führte weiter zur Verenakirche, der ehemaligen Stiftskirche. Bei Grabungen in den 70igern des letzten Jahrhunderts, wurden Fundamente einer Grabkirche aus dem 5. Jahrhundert gefunden. Aus dieser entstand mit der Zeit ein Kloster. Dieses wurde im 13. Jahrhundert in ein Chorherrenstift umgewandelt. Die Chorherren oder auch Pfarrherren hatten manchmal mehrere Pfründen. Um diese zu betreuen, stellten sie «billige» Vikare ein und konnten so ohne «Pflicht» angenehm leben. In romanischer Zeit hatte die Verenakirche zwei Türme, der westliche Turm ist heute durch die Anordnung der Pflastersteine sichtbar gemacht. 1294 brannte der Stiftbezirk nieder. Der Chorturm wurde mit der Krypta im gotischen Stil neu aufgebaut. Später wurde das romanische Kirchenschiff barockvisiert. Das Kircheninnere und die Krypta konnte wegen der Messe nicht besucht werden. Dies können die Teilnehmer bei einem späteren privaten Besuch nachholen.

Zur Wallfahrt nach Zurzach kamen vorwiegend Eheleute mit Kindeswunsch, der ihnen oftmals gewährt wurde. So auch der Herzog von Schwaben mit seiner Gattin, die nach einer Nacht in der Krypta schwanger wurde und einem gesunden männlichen Erben das Leben schenkte.

Höfli

Rund um das Verenamünster liegen die alten Chorherrenhäuser. Auf der linken Schiffsseite steht die alte Propstei der «Marien-Chorhof» und «Kustorei». Daneben war früher an der Stelle der Goldschmiede ein Wohnturm aus dem 14. Jahrhundert. Für den Probst, den Vorgesetzten der Chorherren, entstand im 16. Jahrhundert ein neuer grösserer Prachtbau, die heutige Propstei. Die Figuren an der Fassade wurden von Franz Ludwig Wind (1718-1789) erstellt. Im 20. Jahrhundert wurde es als Schulhaus genutzt. Heute sind unter anderem Bezirksinstitutionen und die Musikschule untergebracht. Im neu renovierten katholische Pfarrhaus hinter der Oberen Kirche lebte ab dem 14. Jahrhundert der Dekan, dem gleichzeitig das Pfarramt anvertraut war. Auf der anderen Strassenseite liegt der Fulgentius-Chorhof das heutige «Höfli» mit Bezirksmuseum und Jugendtreff. Weitere inzwischen abgerissene Chorherrenhäuser sind anhand kleiner Mauern auf dem Kirchplatz sichtbar. Nur der «Schlüssel», vis-a-vis der Verenakirche war schon zur Marktzeiten ein Wirthaus.

Die Oberen Kirche war früher die Kirche für die Gemeinde und wurde nach der Reformation bis zum Bau der Reformierten Kirche 1717 in der Schwertgasse 200 Jahre lang für beide Konfessionen genutzt, was zu einigen Kompromissen führen musste. Heute wird sie als Ausstellungsraum und Konzertraum genutzt. Mit ihrer schlichten Ausstattung ist sie ein Gegenpol zur reichlich barock ausgestatten Verenakirche.

Weiter zum Oberflecken wurde die Gruppe zum «Adler» geführt. Dieses Gebäude bestand aus einer Trotte und einem Wohnhaus. Heute ist es mit dem Wappen der Eheleute Chirurgus Hans Jacob Fischer (aus Rümikon) und Verena Brunner (oo 1692) rechts verziert. Anschliessend wurde es an die Eheleute Dr. med. Jos. Ludwig Ulrich Schaufelbühl (1789-1856) und M. Verena Attenhofer, ein Zurzacher Geschlecht, verkauft. Diese Familienwappen sind auf der linken Seite sichtbar. Der Sohn, Dr. med. Edmund Schaufelbühl war als Arzt der Initiant und Leiter der Psychiatrischen Anstalt in Königsfelden. Die Arzt-Familie lebte 3 Generationen lang bis Ende des 18. Jahrhunderts im Haus.

Messehof zum roten Haus

Auf der anderen Strassenseite befindet sich ein altes Messehaus «zur Waag», das heute noch als Hotel und Restaurant geführt wird. Daneben Richtung «Zurzi-Berg» steht das Haus «zum roten Haus» mit einem kleinem Messehof, der besichtigt wurde. Unten waren die Lagerräume und im 1. Stock mit einer Balustrade versehen die Schlafräume. Die Verkaufsstände standen auf der breiten Gasse. Dieses Markt-Flair kann noch beim Drehorgeltag mit grossem Antiquitätenmarkt Ende August genossen werden.

Auf der selben Seite wie der Adler steht der «Greifen», ein ehemaliger Widumhof. Auch hier lebte ab 1810 ein Arzt Johann Jakob Welti (1796-1854). Er war Bezirksarzt, versuchte zuerst Tabak industriell anzupflanzen, später eine Seidenraupenzucht aufzubauen und bot zum Schluss Solebäder an. Dr. Welti wuchs neben an im «Hörnli» als Metzgersohn auf. Wieweit die Familie mit dem Bundesrat Emil Welti verwandt ist, ist zur Zeit nicht belegt, das es zwei Familienzweige Welti in Zurzach gab.

Wiederum auf der anderen Strassenseite steht der ehemalige Widumhof «Blume», welches oft französisch sprechende Personen beherbergte. Es gehörte 1757 dem Ignaz Frey, der mit der Tochter des Konstanzer Barock-Baumeister Peter Thumb verheiratet war und wahrscheinlich das Haus mit Fleur bemalen liess, das bei der letzten Renovation wieder sichtbar gemacht wurde. An der Ecke Hauptstrasse Pfauengasse steht der «Goldene Leuen», das Haus des Prof. Sennhauser. Er und sein Team beforschte die Zurzacher Häuser in Form eines Nationalfonds-Projekt und lieferte so sehr viele Details zur Zurzacher Geschichte. Der Schaffhauser Maler Hans Melcher Waldkirch (1570-1635), der Stammvater der Zurzacher Waldkirch lebte im «Dreikönigen». Er schuf unter anderem in der Kapelle auf der «Kirchli-Buck» den Verenazyklus.

Beim Sternenbrunnen mit der neuen Linde angelangt, steht die Gruppe auf dem alten Richtplatz. Da der Blick auf die gehängten Diebe für die schwangeren Frauen beim Wasserholen nicht mehr zugemutet werden konnte, wurde die Linde beim Sternenbrunnen seit 1570 nicht mehr als Richtplatz benutzt. Auf der Südseite des Platzes liegt die «Engelburg». Es hiess früher «zum goldenen Horn» und wurde 1577 gebaut. Bis ins 19. Jahrhundert war es reformiertes Pfarr- und Schulhaus.

Weiter den Berg hinauf steht linkerhand der «Elefant» oder früher «Helfant». Es wurde durch einen Neubau geopfert und beherbergt heute eine Galerie. Die unterschiedlichen Häusernamen entstanden durch diverse Modeströmungen. Manchmal wechselten diese auch. Sie könnten aber noch heute als Adressbezeichnung verwendet werden, da die Zurzacher infolge einer Aktion ihre alten Fleckenhäuser wieder möglichst nach Überlieferung beschrifteten.

Am Ende des Oberflecken stehen die Häuser links und rechts der Strasse verengt zusammen um einen Schlusspunkt oder Eingang zu bilden. Der ehemalige Widumhof das «Kindli» wurde 1624 mit Treppengiebel und spätgotischer Fassade gebaut und ist mit den Wappen der Erbauer Lüpold Doldi und seiner Frau Anna Maria Zimmermann versehen. Drei Häuser ausserhalb der Verengung liegt, das ehemalige Haus einer Chorherren-Mätresse mit ihren Kindern. Es war wohl üblich, dass die 9 bis 10 Chorherren Mätressen und gemeinsame Kinder hatten. Es gab einen Fall, da hat der Chorherr nach einer Klage seinen Glauben gewechselt und ist nach Zürich gezogen, dort hat er seine Mätresse geheiratet und die Kinder legitimiert.

Nach gut zwei Stunden näherten sie sich dem Restaurant Zur Waage, wo wir in historischer Umgebung, einem alten Messehof, das Mittagessen einnahmen. Nach dem guten Essen wanderten wir den Rhein entlang zur Barzmühle. Auch hier gab es interessantes zu sehen und die Herren Hidber und Kalt konnten wiederum einiges erzählen. Der Ausflug der GHGZ wurde durch Guetzli aus dem Rezeptbuch der Dorothea Welti-Trippel, Kaffee und Kuchen, sowie diversen Mineralwassern abgerundet.
Reich an Wissen kehrten unsere Mitglieder nach dem geselligen Beisammensein nach Hause zurück. Der Marktflecken Zurzach war für die Genealogen eine Reise wert. Er wird unvergessen bleiben.

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